Ein Spaziergang durch eine durchschnittliche deutsche Fußgängerzone gleicht heute oft einem Déjà-vu: Dieselbe Bäckereikette, dieselbe Fast-Fashion-Filiale, gefolgt von einem Ein-Euro-Shop, einem Döner-Imbiss und einem Wettbüro. Wenn Sie aus dem Bahnhof treten, wissen Sie oft gar nicht mehr, in welcher Stadt Sie sich eigentlich befinden. Diese toxische „Beliebigkeit“ in der Gestaltung und Nutzung ist der Hauptgrund für den Niedergang unserer Innenstädte.
Lange Zeit dachte man, der Online-Handel sei der alleinige Totengräber der Einkaufsmeilen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die Innenstädte haben sich selbst überflüssig gemacht, indem sie ihre Seele verkauft haben. Wenn eine Stadt durch standardisierte Filialisten völlig austauschbar wird, verliert sie ihre Identität, ihren historischen Kern und ihre Aufenthaltsqualität.
Die Konsequenz? Wer nur konsumieren will, klickt im Netz. Wer etwas erleben will, bleibt der gesichtslosen Betonwüste fern.
Die Anatomie des Niedergangs
Die Spirale der Beliebigkeit verläuft meist nach demselben Muster:
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Verlust der Einzigartigkeit: Lokale, inhabergeführte Geschäfte und ehrliches Handwerk werden durch austauschbare Ketten verdrängt. Der spezifische Charme des Ortes verschwindet.
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Erlebnis weicht Konsumzwang: Die Stadt wird auf eine reine „Einkaufsmaschine“ reduziert. Es fehlen echte „Dritte Orte“ – Plätze, an denen man sich einfach aufhalten, verweilen und begegnen kann, ohne zwingend etwas kaufen zu müssen.
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Monostruktur und Leerstand: Wenn der stationäre Einzelhandel schrumpft, entstehen Lücken. Werden diese Leerstände nicht kreativ neu gedacht, sondern mit minderwertigen Nutzungen (Spielhallen, Ramschläden) gefüllt, sinkt die Frequenz weiter. Das Herz der Stadt hört auf zu schlagen, weil die gesunde Mischung aus Wohnen, Arbeiten, Genuss und Einkaufen aus dem Gleichgewicht gerät.
Zollverein 2007: Der verpasste Gamechanger
Diese Entwicklung kommt nicht überraschend. Wir haben sie schon vor fast 20 Jahren kommen sehen.
Bereits 2007 entwickelten wir das „Urmodell“ unserer heutigen Zunft[orte]: Das Zunft[viertel] Zeche Zollverein in Essen. Ein Konzept, das den reinen Konsum durch Multifunktionalität, handwerkliche Produktion, Kultur und echte Begegnung ersetzen sollte. Das Projekt war so wegweisend, dass es mit dem renommierten Chance Denkmal Award ausgezeichnet wurde.
Es hätte der absolute „Gamechanger“ für die Stadtentwicklung im Ruhrgebiet werden können – ein Leuchtturm gegen die Beliebigkeit. Doch visionäre Konzepte scheitern manchmal an Entscheidungsträgern vor Ort, die den radikalen Wandel der Zeit damals noch nicht verstanden (oder verstehen wollten). Man hielt an alten Mustern fest, während die Zukunft längst anklopfte.
Die Zeit ist reif: Zunft[orte] als Antidot
Heute, fast zwei Jahrzehnte später, hat die Realität die damaligen Zauderer eingeholt. Der Trend geht zwingend weg von der reinen Einkaufsmeile hin zur Multifunktionalität. Und genau hier setzen wir mit unseren aktuellen Projekten an.
Wir bauen das Gegenmittel zur Beliebigkeit. Wenn wir historische Orte wie die Schrannenscheune in Rothenburg ob der Tauber revitalisieren oder die Neue Zeche Westerholt (mit 56 Millionen Euro Fördermitteln von Land und Bund) in ein lebendiges Zunft[quartier] verwandeln, dann tun wir genau das, was Zollverein damals hätte sein können:
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Kuration statt Vermietung an den Meistbietenden: In unseren Markthallen gibt es keinen Platz für gesichtslose Ketten. Wir holen ehrliche Manufakturen, lokale Produzenten und leidenschaftliche Gastronomen zusammen.
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Erlebnis statt Transaktion: Unsere Zunft[hallen] (wie auch die Arminiusmarkthalle in Berlin) sind Dritte Orte. Man kommt dorthin, um zu leben, zu arbeiten, zu essen und Gemeinschaft zu spüren.
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Identität durch Geschichte: Durch den Erhalt historischer Bausubstanz (Adaptive Reuse) bewahren wir den Charakter der Region.
Der hybride Weg: Zunft[Werk] und VinocomWines
Diese absolute Fokussierung auf Einzigartigkeit und Qualität übertragen wir auch in den digitalen Raum. Das Zunft[Werk] und unsere Partner wie VinocomWines sind die digitale Antithese zum beliebigen Massen-Onlineshopping. Bei uns finden Sie handwerkliche Produkte mit Seele, Geschichte und Herkunft – vom prämierten Rieslaner aus der Monopollage bis zum meisterhaft geschmiedeten Messer.
Die Zukunft der Stadt ist nicht beliebig. Sie ist kuratiert, handwerklich und voller Charakter. Wir haben die Vision von 2007 nie aufgegeben – wir bauen sie jetzt.